Gregorius auf dem Stein

Eine Legende über Inzest, Liebe, Sühne und Erwählung

Überlieferung aus dem 12. Jahrhundert, schriftlich dokumentiert von Hartmann von Aue, adaptiert und ausgeschmückt von Thomas Mann

Das Ensemble

Eine Koproduktion des Theaters der Klänge mit dem Musikensemble ESTAMPIE aus München
Texte: Thomas Mann (aus „Der Erwählte“), Clemente Fernandez
Textbearbeitung: Clemente Fernandez, J.U.Lensing
Musikalische Entwicklung: Thomas Neuhaus, Michael Popp
Computermusik-Konzeption und Programmierung: Thomas Neuhaus
Inszenierung: J. U. Lensing
Choreographien: Jacqueline Fischer
Lichtdesign: Thomas Klaus
Kostüme: Caterina Di Fiore
Bühnenbild: J.U.Lensing
Requisiten + Möbel: Udo Lensing
Stein: 3D-Design Düsseldorf
Tonregie: J.U.Lensing
Lichtregie: Thomas Klaus
Choreografische Beratung: Carlos Cortizo
Künstlerisches Betriebsbüro: Petra Weiß
Plakat- und Programmgestaltung: Ernst Merheim
Fotos: Oliver Eltinger
Video-Dokumentation: Nicolai Singer in Zusammenarbeit mit FH-Dortmund und der Firma „Take It“ Düsseldorf
Darsteller:
Erzähler, Wiligis Knappe, Wiglaf der Fischer, Maire Poitewin, Probus: Clemente Fernandez
die junge Sibylla, Knappe, Kammerzofe Jeschute, Sibyllas Geist: Jelena Ivanovic
Wiligis, Gregorius: Nicholas Mansfield
Frau Eisengrein, Flann, Fürstin Sibylla, Büßerin Sibylla: Alice de Souza Singer
Ritter Eisengrein, Herzog Roger, Liberius, der Fischer vom See: Matthias Weiland
Musik: ESTAMPIE & Thomas Neuhaus
Gesang, Flöten, Harmonium, Percussion: Sigrid Hausen
Fiedel, Du, Tanbur, Percussion, Santur: Michael Popp
Drehleier, Harmonium, Organistrum, Portativ, Glocken, Percussion: Ernst Schwindl
Das szenische Material entstand in kollektiver Improvisation aller beteiligten Darsteller in Zusammenarbeit mit Regisseur und Choreografin unter zeitweiser Mitwirkung von Anan Atoyama, Gerald Butolen, Julia Leidhold, Agnieszka Obuchowicz und Dilruba Saatci

Über die Produktion

„Gregorius auf dem Stein – eine Legende über Inzest, Liebe, Sühne und Erwählung“ hieß unsere Kreation in erneuter Zusammenarbeit mit dem Musikensemble ESTAMPIE im Jahr 2004.

Basierend auf der mittelalterlichen Erzählung Hartmann von Aues „Gregorius der arme Sünder“ schuf Thomas Mann den Roman „Der Erwählte“. Die Geschichte um doppelten Inzest, Hochmut, Verblendung, Reue – die letztendlich zur Papstwerdung Gregorius führt, war Grundlage für eine musiktheatralische Umsetzung des Theaters der Klänge in erneuter Zusammenarbeit mit dem Ensemble „ESTAMPIE“.

Die überaus erfolgreiche 1995er Zusammenarbeit von „LUDUS DANIELIS“ führte zum Vorschlag Sigrid Hausens (ESTAMPIE) diesen Stoff zur Grundlage einer erneuten Zusammenarbeit zwischen den beiden Ensembles zu machen.

Neu für Gregorius war die Integration von Live-Elektronik in den musikalischen Prozess, wie sie vom Komponisten Thomas Neuhaus in den vorangegangenen Jahren für Aufführungen des Theaters der Klänge entwickelt wurde. Alte Musik traf somit auf Live-Elektronik, Theater und Tanz. Musiktheater, Bildertheater, Tanztheater und Spielmannserzählungen waren der ästhetische Rahmen, den das fast zweistündige Stück hatte. Dazu eine Musik, die den bewussten Crossover zwischen mittelalterlicher Klanglichkeit mit ethnischen Instrumenten und elektronischer Klanglichkeit wagte.

Clemente Fernandez und J.U.Lensing gelang in zwei dafür angesetzten Probenprozessen eine Sprachfassung, welche als Theaterstück überzeugen konnte. Die Hauptfiguren wurden dabei szenisch-tänzerisch inszeniert und der monologische, wie dialogische Text lediglich von zwei Erzählern für alle Figuren musikalisierend gesprochen und musikalisch-gesanglich kommentiert. Dieser „epische Erzählstil“ war Resultat zahlreicher Entwicklungen, wie sie in den vorangegangenen Stücken „LUDUS DANIELIS“, „Die Vögel“ und „Megalopolis“ entwickelt wurden.

Das Resultat in Form einer Musiktheater-Inszenierung wurde mit großem Publikumserfolg in Düsseldorf und München gespielt. Die Zeit zwischen den Düsseldorfer und Münchner Aufführungen nutzte das relativ kleine Schauspiel- und Tanzensemble 2004 zur Verfilmung des Stoffs an realen Drehorten. Dieses Videomaterial lagerte bis 2011 in einem Karton, um anläßlich der Archivierungsarbeiten zu den Medien des THEATERs DER KLÄNGE 2012 in den Spielfilm „Gregorius auf dem Stein“ zu münden, der seitdem auf DVD erhältlich ist.

Die Theaterfassung war Stoff für eine umfangreiche Dissertation zum Thema „Mittelalterrezeption im zeitgenössischen Musiktheater“ von Andrea Schindler M.A. an der Universität Bamberg (Band 23 Reichert Verlag Wiesbaden 2009).

Gregorius auf dem Stein in der Presse

Mysterienspiel – gewagt, gewonnen
Eine alte Legende, bei der es um Tabuverletzungen wie Inzest zwischen Geschwistern sowie zwischen Mutter und Sohn geht, und die einen geradezu apotheotischen Schluss beinhaltet, bei dem der schuldig Gewordene und jahrelang Büßende von Gott zum Papst bestimmt wird – eine solche unzeitgemäße Legende heute auf die Bühne zu bringen, verlangt Mut. Das „Theater der Klänge“ hat es gewagt, „Gregorius auf dem Stein“ in Klänge und Szenen zu bringen, deren Suggestivität die Kräfte eines Mysterienspiels hat. Und es hat gewonnen. (…) Lensing, Kopf des „Theaters der Klänge“, war auch für die gesamte Inszenierung zuständig. Ein Erzähler führte durch die Stationen der Handlung, die wiederum oft choreografisch umgesetzt wurden (Choreografien: Jacqueline Fischer). Wunderbar waren der pas de deux der Geschwister (Jelena Ivanovic und Nicholas Mansfield), der sich vom spielerischen Nachlaufen bis zur angedeuteten Vereinigung steigerte, sowie der Tanz des Sohns mit seiner Mutter (Alice de Souza Singer). Auf der sparsamen Bühne wurde Handlung und Veränderung häufig durch Umkleideszenen angezeigt (Kostüme: Caterina di Fiore); die Lichtregie (Thomas Klaus) machte Ortswechsel sinnfällig. Mit geradezu musikalischem Rhythmusgefühl und mit vielen unterschiedlichen Registern in Sprache und Körpersprache wurden die Texte (nach Thomas Manns „Der Erwählte“) umgesetzt; allen voran Clemente Fernandez und Matthias Weiland in mehreren Rollen. Die grotesken Elemente ihres Auftritts als Kirchenmänner nahmen der Papstsuche gegen Ende des Spiels ihre Schwere. Ein ohrenbetäubendes Geläut schlug den Bogen zum Anfang. Eine Art Choral beschloss die Geschichte.
Rheinische Post

„Denn unser beider ist niemand wert“ – Thomas Mann im Theater
Unter dem Titel „Gregorius auf dem Stein“ bringt das „Theater der Klänge“ Thomas Manns Roman „Der Erwählte“ über Geschwisterliebe und Buße auf die Bühne. Düsseldorf. Der Tanz macht es deutlich: Die beiden jungen Menschen, anmutig in Weiß gekleidet mit roten Schärpen um die Taillen, sind einander innig zugetan, in mehr als geschwisterlicher Liebe. Denn „unser beider ist niemand wert“, so kommentiert der Erzähler ihre Empfindung. Ein Satz aus Thomas Manns Roman „Der Erwählte“, der auf die mittelalterliche Legende von Gregorius zurückgeht, die Hartmann von Aue als erster festhielt.

Das Theater der Klänge wählte diese Geschichte um Inzest und Sühne als Vorlage für seine zweite Produktion mit dem Ensemble für alte Musik „Estampie“. Nach „Ludus Danielis“ ein neuer ästhetischer Ausflug ins Mittelalter: wieder gelingen Jörg U. Lensing und seinem Team ein beeindruckender Bilderreigen, verwoben mit der wunderschönen Musik von Estampie. Gespielt wird im Theatersaal der Rudolf-Steiner-Schule in Gerresheim, passend mit seinem zeitlos-entrückten Ambiente. Neben der Bühne sind die Instrumente von Estampie aufgebaut, so kann man Michael Popp, Ernst Schwindl und Sigrid Hausen zusehen, wie sie ihre Fiedel, Tamburine, Glockenspiele zur Hand nehmen, und kann auch mit-hören, wenn ihre Musik von Computerklängen (Thomas Neuhaus) verfremdet oder übertönt wird.

Eine geteilte Aufmerksamkeit ist gefragt in dieser Aufführung, die mit ihrer raffinierten epischen Struktur eine mittelalterliche Tradition aufgreift: Ein Spielmann erzählt die Geschichte und zeigt Bilder dazu. Clemente Fernandez stellt sich als „Geist der Erzählung“ vor und berichtet in wechselnden Rollen von den wundersamen Begebenheiten: Wie das Kind der verbotenen Geschwisterliebe ausgesetzt wird, wie ein Fischer es findet und aufzieht, wie ein Abt dem Jüngling die Elfenbeintafel mit dem Geheimnis seiner Herkunft übergibt, wie Gregorius als strahlender Ritter eine schöne Herzogin aus dem „Minnekrieg“ vor widerlichen Bewerbern errettet und selber freit. Sie aber erweist sich als seine Mutter. Beide ziehen sich zur Buße zurück, Gregorius auf einen Stein im Wasser, wo er als eine Art ausgetrockneter Igel überlebt, bis ihn aus Rom der Ruf zum Papst erreicht: Er ist der Erwählte!

Wie Bilder und Texte sich ergänzen, wie die Stimmung von anrührendem Pathos in Ironie umschlagen kann, das ist äußerst anregend, nur leidet die Verständlichkeit zuweilen unter der angestrengten Stimme Fernandez`, der allerdings bravourös von einer Rolle in die andere springt. Weil die Stadt Düsseldorf dem Theater der Klänge fast ein Drittel seiner Zuschüsse gekürzt hat, muss die Produktion mit nur fünf Darstellern auskommen. Die Tänzer Jelena Ivanovic, Alice de Souza Singer, Nicholas Mansfield und Matthias Weiland überzeugen sowohl in zarten Bewegungen als auch in zwei hinreißenden Kampfszenen. Weiland (Kardinal) zeigt auch darstellerische Begabung, Alice de Souza bricht ebenfalls einmal ihr Schweigen und betet als Herzogin flehend um Vergebung in Portugiesisch. Wenn die Sängerin Sigrid Hausen in dieses Gebet einfällt, ergibt das einer jener wunderbaren Zusammenklänge, die den besonderen Reiz des Abends ausmachen.
Westdeutsche Zeitung

(…) formte aus der Literatur und mit dem auf alte Musik spezialisierten Ensemble Estampie ein vitales, traditionelles Erzähltheater mit dem Titel Gregorius auf dem Stein (…) mittelalterlicher Gesang und alte Instrumente zauberten einen Kraftbogen, der die epische Struktur trägt.
Ballettanz

(…) wieder gelingen Jörg U. Lensing und seinem Team ein beeindruckener Bilderreigen, verwoben mit der wunderschönen Musik von Estampie. Gespielt wird im Theatersaal der Rudolf-Steiner-Schule in Gerresheim, passend mit seinem zeitlos-entrückten Ambiente. Neben der Bühne sind die Instrumente von Estampie aufgebaut, so kann man Michael Popp, Ernst Schwindl und Sigrid Hausen zusehen, wie sie ihre Fiedel, Tamburine, Glockenspiele zur Hand nehmen, und kann auch mit-hören, wenn ihre Musik von Computerklängen (Thomas Neuhaus) verfremdet oder übertönt wird. Eine geteilte Aufmerksamkeit ist gefragt in dieser Aufführung, die mit ihrer raffinierten epischen Struktur eine mittelalterliche Tradition aufgreift. (…) Wie Bilder und Texte sich ergänzen, wie die Stimmung von anrührendem Pathos in Ironie umschlagen kann, das ist äußerst anregend, nur leidet die Verständlichkeit zuweilen unter der angestrengten Stimme Fernandez´, der allerdings bravourös von einer Rolle in die andere springt. (…) Alice de Souza Singer bricht ebenfalls einmal ihr Schweigen und betet als Herzogin flehend um Vergebung – in Portugiesisch. Wenn die Sängerin Sigrid Hausen in dieses Gebet einfällt, ergibt das einer jener wunderbaren Zusammenklänge, die den besonderen Reiz des Abends ausmachen.
Westdeutsche Zeitung