Ich – ist ein Anderer

Es ist falsch, wenn einer sagt: Ich denke. Man soll sagen: Es denkt mich. Ich ist ein anderer.
Schlimm genug für das Holz, das als Geige erwacht, und Spott allen, die sich selber nicht kennen und doch über etwas klügeln, wovon sie das geringste wissen.

Rimbaud: (aus einem Brief an Georges Izambard, 1871)

Das Ensemble

Besetzung der Uraufführung am 9. Januar 2008 im FFT-Juta Düsseldorf
Choreografie: Jacqueline Fischer
Produktionsleitung, Soundsupervising, Video: J.U.Lensing
Darsteller:
Catalina Gomez, Francesco Pedone, Hana Zanin, Jose Fernando Andrade-Lopez
Moderator: J.U.Lensing
Musik: Michael Sapp
Musiker: 
Michael Sapp: Akkordeon, Harmonium; E-Gitarre, Esraj 
Bassem Hawar: Djoze, Violine
Donja Djember: Violoncello
Kostüme: Margit Koch
Bühnenbild: Simona Lotti
Licht: Jeannot Bessière
Produktionsassistenz: Miriam Raether
Fotos: Oliver Eltinger
Drucksachengestaltung: Ernst Merheim

Über die Produktion

Ausgehend von diesem Zitat des Dichters Arthur Rimbaud stellten die Darsteller dieses als Frage exemplarisch ans Publikum. Sie reflektierten darüber und kommentierten diese in immer neuen Charakteren mit dem Versuch diese zu beantworten.
Diese Zeile wurde früh als Kennzeichen der Moderne verstanden, als Kennzeichen der Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, die Einheit der Person, das sogenannte “Ich”, weiterhin zur Grundlage des Erzählens zu machen, unabhängig davon, ob es sich um das Autoren-Ich handelt oder das Ich der erzählten oder dargestellten Figuren.

Die Darsteller – als Typen-Prototypen – kommen immer wieder auf dieses Thema zurück, umkreisen es in immer neuen Anläufen. Dabei geht es bei diesem “Schau-Spiel” nicht nur um die Kunst der Veränderung des Körpers, des Habitus, der Stimme, der Gesten durch professionelle Darsteller. Vielmehr geht es um das Modellieren einer Person, eines Körpers zu neuen Typen in Spieglung der Typenvielfalt, die die moderne Gesellschaft uns bietet.

Ist soziale Einordnung, Status, Reichtum, Armut, Macht, Hilflosigkeit “genetisch” bestimmt – oder unterliegt das der Modellierung des eigenen Ichs? Was definiert den Einzelnen und wodurch? Was verändert ein bis dato regelhaft geführtes Leben? Was meint Charakter, Ethos, Standpunkt in einer Welt des inszenierten Ichs?

Gerade heute, wo in “Soft-Skills” oder “Schlüsselkompetenz”-Seminaren aufwändig an Darstellungsformen von Berufsbewerbern, Karrieristen oder Personen der Politik gearbeitet wird, stellt sich frühzeitig und immer wieder die Frage nach dem Auftreten, der Wirkung, der Ausstrahlung des eigenen Ichs. Welche Ichs werden da geformt ? Berufs-Ich? Echtes Ich? Inwiefern verformt das Amt, die Stelle, das “nichts tun können” das Ich? Wer bin ich? Was macht mich aus? Äußerlichkeiten, der Blick, die Seele, der Charakter, die Bildung (so genannte Herzensbildung), die Lebensphilosophie?

“Ich ist ein Anderer” ist auf der darstellerischen, wie auf der verbal reflektierten Textebene der Spiegel dessen, was sich heute überall an Selbstinszenierung und gesellschaftlichen Rollenspielen- und Zuweisungen abspielt! Es war gleichzeitig die erste eigenständige und inszenatorisch voll verantwortete Produktion von Jacqueline Fischer als Choreographin und Regisseurin im THEATER DER KLÄNGE. In das Opfer noch als choreografische Assistentin aktiv, entwickelte Jacqueline Fischer über “Modul|a|t|o|r”, “Gregorius” und “HOEReographien” eine eigene choreografische Handschrift, welche in “ich ist ein anderer” in ein eigenes Tanztheaterstück mündete.

Dieses Stück diente nach der Aufführungsserie als Material für den Tanzfilm “ich ist eine andere” von Harald Opel (siehe Artikel “Alles bewegt sich” in diesem Buch).

Ich – ist ein Anderer in der Presse

Schöner Tanz ums Ich
Mit allen Mitteln der multimedialen Kunst und eigens hergestellten Masken versucht das Ensemble, neben José Fernando Andrade-Lopez gehören Catalina Gomez, Francesco Pedone und Hana Zanin dazu, die Frage nach dem Charakter einer Person zu ergründen. Voller Lust stürmt das Quartett mit Musik durch seine Szenen, arbeitet mit wie bei der rhythmischen Sportgymnastik üblichen Bändern, die hier am Ende einen flackernden Lichtpunkt haben und sorgt mit dem Wechsel zwischen Licht und Schatten für Unterhaltung.
Eine wichtige Funktion haben verspiegelte Boxen, durch die das Quartett schön schreitet oder die sich optimal dazu nutzen lassen, sich selbst oder ein Ich, das einem gerade nicht genehm ist, zu verbergen. Jacqueline Fischers Interpretation von den zivilisatorischen Abgründen, Ich und Über-Ich oder den so genannten Soft-Skills, ist ein munteres Spiel, dessen einzelne Ideen nicht immer neu sind, aber durchweg unterhalten.
Westdeutsche Zeitung

Spiele hinter Spiegeln
Ein schweres Thema, federleicht in Szene gesetzt von Choreografin Jacqueline Fischer. Vier Gestalten in Schwarz schwirren durch einen düsteren Raum. Mal mit Kerzen oder Leuchten gehen sie auf die Suche. Meist aber tragen sie Masken oder Spiegel vor ihren Gesichtern. Zwei Männer und zwei Frauen – dekoriert mit Papierbilder ihrer eigenen Porträts, dann wieder kleben die Konterfeis der anderen Tänzer auf ihrer Nase. Und so wird unvermittelt aus einer Frau ein Er, aus einem Mann eine Sie und umgekehrt. Allmählich versteht der Betrachter, dass es hier nicht nur um Verwandlung, das Urthema des Theaters, sondern ebenfalls um die Urfrage des Menschen geht: Wer bin ich?
Er, sie, es – oder auch “Ich ist ein Anderer”: Ausgehend von diesem Zitat aus einem Gedicht von Arthur Rimbaud entwickelt das “Theater der Klänge” einen hintergründigen Tanzabend, der geschwind und leicht über die Bretter weht. Wenn der Titel des Stücks – und das Programmheft – auch Gedankenschwere vermitteln, so gelingt es Jacqueline Fischer doch, leichtfüßige Impressionen über die Rampe zu bringen. Die Choreografie sprüht vor Witz, Temperament und leichter Ironie und wirft dennoch existenzielle Fragen auf.
Apart sind die Sequenzen, in denen sich digitale Phantombilder, die die Polizei zur Verbrecherjagd einsetzt, langsam verändern, ineinander verschwimmen. Die Konterfeis der Darsteller führen vor, wie die Computerwelt unsere Wahrnehmung beeinflusst – aus alt wird jung, aus Mann wird Frau, aus gutmütigem Strahlen hinterhältiges Grinsen. Eine neue Identität per Mausklick.
Neue Rhein Zeitung

Das Ich durchleuchten
Der Spiegel als wichtigstes Element, um seine eigene Oberfläche betrachten zu können, spielt im Verlauf des Stücks eine tragende Rolle. Ständig stehen die Tänzer davor, betrachten sich, stylen sich, versuchen ihr Selbst zu erkennen. Sei es vor den großen Spiegelinstallationen oder mit Hilfe kleinerer Spiegel, mit denen sie jedes einzelne Körperteil gründlich untersuchen. Mit Taschenlampen probieren sie Licht in das Dunkel der eigenen Persönlichkeit zu bringen. Akribisch versuchen sie sich zu durchleuchten, immer auf der Suche nach einem inneren Kern. Auch Fotomasken ihrer eigenen Gesichter kommen wiederholt zum Einsatz.
Damit lässt sich ein wunderbar verwirrendes Spiel spielen: Vertauscht verfremden die Gesichter die Körper, auf die sie eigentlich gar nicht gehören. Frauenkörper tanzen mit männlichen Gesichtern. Männerkörper bewegen sich weiblicher mit Frauengesichtern. Ein drittes Element ist eine kleine Babypuppe. Bitterkomisch, wie Catalina Gomez versucht, der kleinen Puppe das Gehen beizubringen, und sich zwischendurch kleine Gemeinheiten überlegt, sie fallen lässt oder zu hoch wirft, so dass sie hart aufprallt. Dabei lacht sich Gomez schadenfroh kaputt.
Atmosphärisch unterstützen die exzellenten Live-Musiker (Bassem Hawar, Donja Djember, Michael Sapp) diese Bilder. Mit ihren wundervollen Instrumenten (unter anderem Violine, Violoncello, Akkordeon,Harmonium) bewegen sie sich musikalisch zwischen Tango und abstrakten sphärischen Klängen.
Insgesamt findet das Ensemble eine große Vielfalt an Bildern.
Rheinische Post

Ich – ist ein Anderer: Audio

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