Das Opfer

Die Dynamik der Gewalt

… überkam mich eines Tages die Vision einer großen heidnischen Feier: alte weise Manner sitzen im Kreis und schauen dem Todestanz eines jungen Mädchens zu, das geopfert werden soll…

Igor Strawinsky

Der Sinn des Exzesses ist die Tat selbst, das Blutfest. Die Mörder hetzen sich gegenseitig zum Töten auf

Wolfgang Sofsky

Das Ensemble

Besetzung der Uraufführung am 2. Dezember 1999 im FFT-Juta Düsseldorf
Musik: Igor Strawinsky
musik. Bearbeitung: J.U.Lensing
musikalische Assistenz: Michael Scheibenreiter
neues Libretto: Ensemble des TdK´s
Choreographie des Eröffnungstanzes: Joachim Schlömer
Choreographische Assistenz: Jacqueline Fischer
Choreographien im weiteren Verlauf: J. U. Lensing/Kerstin Hörner unter Mitarbeit des gesamten Ensembles und Beratung von Carlos Cortizo
Projektleitung: Jörg U. Lensing
Künstlerisches Betriebsbüro: Julia Galinke
Plakat- und Programmgestaltung: Ernst Merheim
Fotos: Oliver Eltinger
Konzertflügel: Osia Toptsi, Michael Zischang
Inszenierung: Jörg U. Lensing
Regieassistenz: Clemente Fernandez
Bühnenbild: Udo Lensing
Kostüme: Caterina Di Fiore
Lichtgestaltung: Thomas Neuhaus
Darstellung / Tanz: Ariane Brandt, Clemente Fernandez, Mirko Girmann, Kerstin Hörner, Gudrun Lange, Moritz Möller,
Maura Morales, Francisco Orjales-Mourente, Matthias Weiland

Über die Produktion

„Das Frühlingsopfer – Die Dynamik der Gewalt“ war der Titel unserer 1999er Produktion mit der wir eine neue Richtung für das THEATER DER KLÄNGE einschlugen.

Igor Strawinsky komponierte zwischen 1911 und 1913 sein „Le Sacre du Printemps“ für die „Ballets russes“. Die Uraufführung 1913 in Paris geriet zum Skandal. Grund dafür war die damals unbekannte künstlerische Umsetzung von Brutalität und Gewalt auf der musikalischen und Primitivität auf der tänzerischen Ebene.

Aber das alleine können nicht nur die Ursachen für den Widerspruch gewesen sein. Ein Jahr vor Ausbruch des ersten Weltkriegs gab es wohl auch ein kollektives Gespür für die Möglichkeit, daß die lange Friedensperiode der „Belle epoque“ bald ein brutales, eruptives, barbarisches Ende finden könnte.
Auch heute konstatiert der Gewaltforscher Wolfgang Sofsky, daß die heute zunehmend wahrnehmbaren Formen von Gewalt wieder archaischen, fast rituellen Charakter haben.

„Der Schlächter hält sich nicht an die Ökonomie des Tötens. Er will spüren, was er tut. Deshalb martert und verstümmelt er seine Opfer. Er tötet im Kollektiv. Gewalt gilt als Beweis seiner Zugehörigkeit. – Der Sinn des Exzesses ist die Tat selbst: das Blutfest. Die Mörder hetzen sich gegenseitig zum Töten auf“
(Wolfgang Sofsky in „Die Zeit“ 15/98).

Strawinsky hat in seinem „Frühlingsopfer“ diesen rituellen Prozess des Blutopfers beschrieben.
„… überkam mich eines Tages die Vision einer großen heidnischen Feier: alte weise Männer sitzen im Kreis und schauen dem Todestanz eines jungen Mädchens zu, das geopfert werden soll…“

Das Thema war gerade 1999 vor dem Hintergrund des in Europa wütenden Kosovo-Krieges aktuell. Es galt eine Umsetzung für diese, unsere Zeit zu finden:

Die Musik von Igor Strawinsky wurde dabei zu Anfang original in seiner Fassung für Klavier für 4 Hände für einen kunstvoll von Joachim Schlömer choreografierten Solotanz gespielt. Diese Solotanz-Kunstdarbietung vor Bildern von Francis Bacon wird jäh unterbrochen von Tätern, die diese Veranstaltung „überfallen“ und sich die „Jungfrau“ in Gestalt der Solo-Tänzerin als Opfer auswählen.

Der Schändungsprozeß der Kulturdarbietung, schändet die Protagonisten auf der Bühne (Pianisten und Tänzerin), im Publikum, wie auch die Musik Strawinskys. Diese wird in einer Tecno-Musikbearbeitung lautstark weitergeführt. Erst als das Opfer ausgewählt ist und man sich an das Ritual des „kollektiven martern und verstümmelns“ (Sofsky) macht, erklingt die Musik aus den Lautsprechern in Form der von Strawinsky selbst eingespielten und damit durch ihn fixierten Orchesterfassung von 1960.

Das Stück stellt im Schaffen des Theater der Klänge sowohl vom Thema, wie von der formalen Umsetzung eine Ausnahme dar. Es ist das einzige Stück, welches in Form eines Aktionstheaters inszeniert wurde und welches komplett auf der fertigen Musik eines namhaften Komponisten basiert. Es markierte im 12. Jahr der Existenz des THEATERs DER KLÄNGE einen Umbruch in eine andere künstlerische Richtung, welche sich im Diskurs mit zeitgenössischen Theater- und Tanztendenzen versteht und diesen auf unterschiedlichste Weise insbesondere in den folgenden collagierten und interaktiv-intermedialen Stücken weiterführte.

Das Opfer in der Presse

Es braucht eine Weile, bis man sich erholt hat. Dann tröpfelt Beifall auf die noch versteinerten Minen der Tänzer. Erst beim dritten Applaus sind die Zuschauer in der Lage, die hervorragende Leistung der Tänzer mit Getrampel und Beifall zu würdigen. (…) Ein Erlebnis zwiespältig wie wie ein Stierkampf, von dem einer der Tänzer anfangs erzählt: schwankend zwischen Ekel, Faszination am Rausch der Masse und der Macht, an der Archaik des Todes und der Gewalt und dem Entsetzen über diese Faszination. Die Gewalt, sie steckt in jedem von uns und sie ist ein Gruppenakt. Das macht das Stück klar (…). Die Choreographie von Joachim Schlömer, Jacqueline Fischer, Kerstin Hörner und Jörg Lensing verlangt von den Tänzern alle Energie und Präzision. (…) Kurz, prägnant und und vulkanisch eine Menge Stoff zum Nachdenken. (…) Der Experimentiergeist dieser Truppe hat wieder eine neue Seite aufgeschlagen.
Rheinische Post

Gewalt hat viele Gesichter. Das „Theater der Klänge“ hat genau hingesehen, die Witterung aufgenommen, die sich beklemmend steigernde Spirale nachgedreht, den Schweiß hysterischer Gruppen-Dynamik in die Premierenluft gemischt und eine zunächst erschlagene, dann begeistert applaudierende Zuschauerschar hinterlassen. Die aktuelle Antwort auf Strawinskys „Frühlingsopfer“-Ballett von 1913 rückt hautnah, pausenlos, gnadenlos. Sie verzichtet auf erklärende Worte, überläßt Körper und Musik die martialische Sprache. (…) Dabei ist das rauschhafte Ausflippen eine erschreckend perfekte Choreographie in dumpf stampfenden Laufschritten, erschöpftem Luftholen. Die Hilflosigkeit des Opfers schmerzt. (…) Nach einer Aufführung, die nicht auf den Kopf, sondern in die Magengrube zielt und ein Kommentar zur wachsenden Brutalisierung sein will. (…) Spätestens jetzt wird wird die Inszenierung zum akustischen wie emotionalen Bombardement. Wagemutig balanciert sie auf dem Rasierklingen-Grat zwischen ästhetisierender Darstellung und Demaskierung von Gewalt-Mechanismen.(…) Im Rausch der Gewalt. Eine heftige Inszenierung des gesamten Ensembles vom „Theater der Klänge“.
Neue Rhein Zeitung

Wenn sich die acht jungen Leute (drei Frauen, fünf Männer) anfangs noch über den Boden rollen, sich minutenlang schweigend hin- und her wiegen ahnt das Publikum noch nicht, welch orkanartiger Sturm kurz darauf durch das Juta (Junges Theater in der Altstadt) fegen würde.. Einen Kommentar zur Gewalt im 20. Jahrhundert liefert das Düsseldorfer „Theater der Klänge“ mit seinem elften Stück, einer Bearbeitung des 1913 skandalträchtigen „Sacre du printemps“ von Igor Strawinsky, dessen suggestive Musik ein Opferritual beschrieb. In seinem „Opfer“ greift das Ensemble zu drastischen Mitteln, zieht uns in einen Sog exzessiver Gewaltdarstellung (…) Lange braucht das Publikum, um sich aus betäubter Erstarrung zu lösen. Zunächst ein zaghafter Applaus, der sich unerwartet steigert, honoriert eine beunruhigende, an den Nerven zehrende Aufführung, die einen mit Unbehagen entläßt.
Westdeutsche Zeitung

(…) diese mörderische Produktion, der sogar die Hälfte des Titels zum Opfer fällt. Das Frühlingsopfer? Der Frühling ist entschwunden, das Opfer bleibt. Noch immer hängt der Schweiß der Tänzer in der Luft, oder ist es der Angstschweiß des Betrachters? Noch dröhnen die düsteren Drumbox-Beats nach, pocht die beklemmende Atmosphäre der Bedrohung, zerrt und zehrt der Terror der Gewalt. Zittert die Gier, der Rausch. Eine Explosion der Grausamkeit. Der Lust am Töten. Ein artistischer Kraftakt, eine Strapaze, bedrückende Bilder. (…) Der Hauptpart des ersten Teils „Der Kuß der Erde“, wird von rudimentären Techno-Trommelläufen und Percussionsreduktionen geprägt sein, die Tanzaktionen und Bilder des zweiten Teils, „Das große Opfer“ wird dann Strawinskys originale Orchestermusik begleiten. Einen Höhepunkt an diesem Abend der Extreme bildet der der Eröffnungstanz von Joachim Schlömer: das zart-zögerliche beginnende Solo „Tanz der Jungfrau“ zur Live-Begleitung durch die Pianisten Osia Toptsi und Michael Zischang (…).
Überblick

(…) hier im „Jungen Theater in der Altstadt“ Düsseldorf, gewaltiger und gewalttätiger Tiefgang für Zuschauer, die das reality TV der Fernsehnachrichten noch nicht abgestumpft hat. (…) Die dreiteilige Dramaturgie ist durchdacht – vielleicht zu sehr. Den konkreten in Monologen erzählten Geschichten um Formen der Gewalt – im Krieg, auf der Straße, gegenüber Fremden, an Tieren – folgt ein abrupter szenischer Wechsel, nämlich der reine, schön fließende, sich selbst genügende „Tanz des jungen Mädchens“, und darauf ein weiterer strenger Bruch, wenn das junge Mädchen und ein zweites zu Opfern einer marodierenden Jungengang werden, die ihre bösen Späße mit den beiden treibt. (…) Das Gefühl für die Allgegenwart von Gewalt heraufzubeschwören, ihre latente Anwesenheit spürbar zu machen – darum geht es dem Theater der Klänge. Das spürt man in jeder Minute der Aufführung, die Botschaft kommt rüber, rückhaltlos, ungefiltert, direkt (…)
Ballett/Tanz

Das Opfer: Audio