Das Lackballett

Ich habe mich auf ein Abenteuer eingelassen. Ich kann’s nicht lassen. Die Gelegenheit ist günstig. Ich mache zu dem Jubiläumsfest, am 6. Dezember, ein Lackballett. Ich habe das einmal geäußert, schon früher. Nun werde ich beim Wort genommen. Eigentlich mach ich’s nicht ungern. Man kann mit einfachen Mitteln etwas sehr Reizvolles machen. Nur aus farbig lackierten Pappen, Bällchen, Stäben und so weiter.

Brief an Tut Schlemmer, Wuppertal, 4.11.1941

Das Ensemble

Regie und Musik: J.U.Lensing
Choreografie: Jacqueline Fischer
Video: Yoann Trellu
Figurinenplastiken: Christian Forsen
Kostüme: Caterina Di Fiore
Lichtdesign: Markus Schramma
Interaktive Musiksoftware: Thomas Neuhaus
Künstlerisches Betriebsbüro: Miriam Pankarz

Tänzer & Tänzerinnen:
Miriam Gronau
Cheng-Cheng Hu
Tuan Li
Javier Ojeda Hernandez
Francesca Perrucci
Phaedra Pisimisi

Über die Produktion

Ein letzter Farb-Klang-Rausch von Oskar Schlemmer

Der vormalige Bauhaus-Meister Oskar Schlemmer entwarf als letztes Bühnenwerk in den frühen 1940er Jahren nicht öffentlich – da er seinerzeit als sogenannter „entarteter Künstler galt“ – ein Lackballett. Es wurde einmal am 6. Dezember 1941 in Wuppertal im Rahmen eines Festes der Wuppertaler Farbwerke Herberts – die ihn damals als künstlerischer Mitarbeiter und Ausbilder für Lackexperimente beschäftigte – aufgeführt und bis heute nicht wieder aufgegriffen.

Das Düsseldorfer THEATER DER KLÄNGE nimmt die geplanten Aktivitäten zu 100 Jahre Bauhaus zum Anlass, sich mit dieser „rheinisch-bergischen“ Arbeit von Oskar Schlemmer auseinanderzusetzen und die Idee zeitgenössisch in neuer Gestalt weiter zu entwickeln und 77 Jahre später wieder aufzuführen. Zum einen werden die von Oskar Schlemmer entworfenen und realisierten Figurinen neu interpretiert. Bei der Neuinterpretation geht es vor allem um eine Material- und Farbinterpretation, da das Thema Lack heute andere Antworten ermöglicht, als noch in den vierziger Jahren.

Zum anderen werden sowohl die skulpturalen Bewegungsmöglichkeiten als auch die daraus resultierenden Choreografien in Form von Figurinentänzen und einem finalen „Reigen“ neu für ein abendfüllendes Programm entwickelt.

Das Lackballett wird eingebettet in eine interaktive Live-Videoszenografie und interaktive live-elektronische Musik, wie das THEATER DER KLÄNGE dies schon seit 2005 für mehrere intermediale Tanzproduktionen entwickelt und erprobt hat. Auf diese Weise wird der Brückenschlag von der klassischen zur digitalen Moderne gemacht!

Resultat ist eine zeitgenössische Farb- und Formperformance, ein „Farb-Klang-Rausch“, der das Thema Lackbilder in Kombination mit Lack-Figurinen zu sich immer wieder neu formenden, übermalenden und ständig anders erscheinenden Lichtmalereien durch körperliche Performance und Musik werden läßt. Durchaus im Geiste Oskar Schlemmers ist dies gleichermaßen eine zeitgenössische Kunstaktion, wie ein Tanzkonzert!

Aufführungen FFT-Juta, Düsseldorf:
10. 11. 12. Januar 2019, jew. 20 Uhr
12. Januar um 15 Uhr
13. Januar um 18 Uhr

Aufführungen Theater im Depot, Dortmund:
31. Januar und 1. Februar, jeweils 20 Uhr

Das Lackballett in der Presse

Wenn sich die Künste rauschhaft vereinen

Schrille Kostüme, Skulptur als Tanz, gemalte Bewegung: Das Theater der Klänge inszeniert Oskar Schlemmers „Lackballett“ im FFT als multimediales Stück.

Die Bühne ist nur ein schwarzer Raum mit einer großen Leinwand. Nach und nach treten sechs schwarz gekleidete Tänzerinnen und Tänzer hervor. Alle tragen sie bunte Tücher in ihren Händen, in Weiß, Blau, Gelb oder Rot, etwa so groß wie Bettlaken. Sie entfalten sie langsam, strecken sie auseinander, wirbeln sie durch die Luft, werfen sie hoch und fangen sie wieder auf oder schlagen mit ihnen auf den Boden. Die Tänzer formen die Stoffe laufend zu neuen flüchtigen Skulpturen und erzeugen damit die einzigen Geräusche: Flattern, Knistern, Ziehen oder Schlagen. So beginnt das Theater der Klänge sein „Lackballett“ im Forum Freies Theater (FFT) Juta. Der „letzte Farb-Klang-Rausch von Oskar Schlemmer“, wie das Stück im Untertitel heißt, feierte am Donnerstagabend Premiere in der Kasernenstraße 6.

Die Aufführung hat die Düsseldorfer Theatergruppe zum Bauhaus-Jubiläum kreiert. Die legendäre Kunstschule wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Eines ihrer großen Ziele bestand darin, alle Künste miteinander zu verbinden. So geriet auch das Theater ins Visier der Bauhäusler. Das Theater der Klänge hat sich seit seiner Gründung im Jahr 1987 mit der Bühnenkunst der Avantgarde-Schule beschäftigt, sie rekonstruiert und auf die Gegenwart hin aktualisiert. Im Mittelpunkt standen dabei immer wieder die Theaterkonzepte des Malers, Bildhauers und Bühnenbildners Oskar Schlemmer (1888-1943). In seinem sogenannten „Triadischen Ballett“ verwandelten sich die Tänzer zu Figurinen: Sie schlüpften in Kostüme, die aus geometrischen Formen bestanden. Schlemmer weitete damit die Bildhauerei aus: Tänzer mutierten nun zu Skulpturen, die sich durch den Raum bewegten. Skulpturen waren nun nicht mehr statisch, sondern veränderbar, fließend und flüchtig. Und damit auch zeitlich, auf den Augenblick beschränkt. Oskar Schlemmer machte Bildhauerei nun bühnenreif. Das war bahnbrechend. Ähnlich verhielt es sich mit Schlemmers Lackballett. Der Künstler hat es nur ein einziges Mal aufgeführt: Am 6. Dezember 1941 beim Betriebsfest der Wuppertaler Lackfabrik Herberts. Schlemmer war von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert worden. Daraufhin bot der Lackfabrikant Kurt Herberts ihm – aber auch anderen verfemten Künstlern – ein kreatives Refugium. Er gründete den sogenannten „Wuppertaler Arbeitskreis“, wo Schlemmer die künstlerische Verwendung von Lackfarben erforschen sollte. Der Allround-Künstler experimentierte mit lackierten Pappen, Bällchen oder Stäben. Und kreierte dann jenes Lackballett, das er bei dem Firmenfest uraufführte. Sechs Damen in Kostümen aus Glaskugeln, Stäben, Dreiecken oder Bierdeckeln führten zu einer Sarabande von Georg Friedrich Händel ein Tänzchen auf. Mangels geeigneter Tänzerinnen mussten Büroangestellte einspringen. Manche Gäste zeigten sich angetan, manche verwundert. Nach drei Minuten endete der Tanz.

Das Theater der Klänge hat das Mini-Stück auf eine Stunde ausgeweitet. Als Quellen dienten Regisseur Jörg Udo Lensing vierfarbige Aquarellentwürfe und Schlemmers Aussagen in Briefen. Mit seinem Team hat er eine multimediale Performance geschaffen. Kaum ein Genre, das nicht berücksichtigt wird: Tanz, Skulptur, Musik, Mode, Malerei und Videokunst.

Nachdem das Tanz-Sextett um Miriam Gronau, Cheng-Cheng Hu, Tuan Li, Javier Ojeda Hernandez, Francesca Perrucci und Phaedra Pisimisi zu Beginn noch mit bunten Stoffen hantieren, lassen sie eine neue Figurine nach der anderen entstehen. Sie tragen quadratische Röcke aus grün, blau, rot oder gelb lackierten „Bierdeckeln“, Hüte oder Halsketten aus bunten Trapezen, Kostüme aus Silberkugeln, „Haken“ oder Reifröcke mit leuchtenden Lichterketten. Wenn die Tänzer und Tänzerinnen in immer wieder neuen skulpturalen Textilien auftreten, fühlt man sich zuweilen an Modeschau-Spektakel erinnert. Solo, im Duett oder in der Gruppe vollführen sie dann ihre Choreografien, spielen mit ihren Mode-Accessoires, indem etwa ein Hut aus Trapezen zum Fächer wird, strecken ihre Körper in Zeitlupe auseinander oder drehen sich exzessiv um die eigene Achse, schlagen Purzelbäume oder vollführen Handstände. Die Akteure wechseln hin und her zwischen Tanz in Slow Motion,  Beschleunigung, Hochgeschwindigkeit und Entschleunigung. Auch die Stimmungen schwanken zwischen Ruhe, Poesie, Melancholie, Spannung, Dramatik, Entspannung. Verstärkt werden Tempo und Atmosphäre durch elektronische Musik: mal stampfen die Beats, so dass man sich in einem Club wähnt, mal erklingen dramatische Klänge wie in einem Thriller, mal schweben sphärische Melodien durch den Raum und man sieht sich durchs Weltall fliegen. Für meditative Momente sorgt auch immer wieder Tänzerin Miriam Gronau, wenn sie das Publikum mit Schlemmer-Zitaten konfrontiert, etwa: „Das Theater, die Welt des Scheins, gräbt sich selbst sein Grab, wenn es versucht, die Wirklichkeit zu kopieren.“ Doch das Theater der Klänge treibt sein Künste übergreifendes Bühnenwerk noch weiter: Die Choreografien erscheinen als Lichtbilder auf der Leinwand – abstrakte bunte, sich permanent verändernde Gemälde – wie von Geisterhand gemalt. Ein unvergesslicher Ballett-Rausch: sinnlich, fantasievoll, poetisch, kraftvoll – einfach überwältigend!
Von Thomas Frank, Westdeutsche Zeitung

 

Das vergessene Ballett aus der Lackfabrik

Das „Theater der Klänge“ bringt eine faszinierende Farb-Form-Performance auf die Bühne des FFT-Juta.

Oskar Schlemmer war ein höchst vielseitiger Künstler. Er malte nicht nur, sondern war auch als Bildhauer, Grafiker, Bühnenbildner und Choreograf aktiv. Sein „Triadisches Ballett“ wurde 1922 in Stuttgart uraufgeführt, später folgten Einladungen nach New York und Paris, die den Bauhaus-Künstler schlagartig international bekannt machten. Nur wenige kennen allerdings sein „Lackballett“, denn es wurde nur einmal aufgeführt: 1941 beim Betriebsjubiläum der Lackfabriken Herberts in Wuppertal. Dort hatte Schlemmer, von den Nazis ab 1933 von allen Ämtern ausgeschlossen, seine Kunst als „entartet“ abgeurteilt, eine Zuflucht gefunden und als „Professor für maltechnische Forschungsvorhaben“ gearbeitet.

Schlemmer forschte zur Anwendung moderner Lacktechniken, malte einige Bilder mit dem Material und zeichnete viel in den Wuppertaler Lackfabriken. Dabei entwickelte er neue Figurinen für ein „Lackballett“. „Ich habe mich in ein Abenteuer eingelassen. Ich kann‘s nicht lassen“, schrieb er 1941 an seine Frau Tut. „Ich mache zu dem Jubiläumsfest ein Lackballett. . . . Man kann mit einfachen Mitteln etwas sehr Reizvolles machen. Nur aus farbig lackierten Pappen, Bällchen, Stäben und so weiter.“

Beim Firmenjubiläum schlüpften dann sechs Damen der firmeneigenen Gymnastikgruppe in die von Schlemmer entworfenen Kostüme „aus Glaskugeln, Bierdeckeln, Pappformen etc.“, wie Schlemmer schrieb. „Sie machten es recht und schlecht“, urteilte der Künstler. Das Tänzchen „Reigen in Lack“ dauerte etwas mehr als drei Minuten. Erhalten sind davon nur Schlemmers gezeichnete Entwürfe sowie einige Fotos der Aufführung.

Auf mehr Material konnte das Düsseldorfer „Theater der Klänge“ und sein Regisseur Jörg Udo Lensing nicht zurückgreifen, als er nun eine „Original-Aneignung-Weiterführung“ des „Lackballetts“ wagte. Der Abend hatte nun Premiere im ausverkauften FFT-Juta. Er verbindet Schlemmers tanzende Figurinen mit elektronischem Sound (ebenfalls von J.U. Lensing) und computergenerierter Kunst, die auf eine große Leinwand (die auf einer Staffelei steht) live übertragen wird zu einem audiovisuellen Farbrausch, der vor allem in der zweiten Hälfte überzeugt.

Das „Theater der Klänge“ hat bereits Erfahrung gesammelt mit Oskar Schlemmers choreografischen Entwürfen. Bereits 1987 rekonstruierte das Ensemble Figurinen zu einem „Mechanischen Ballett“, das 1923 am Bauhaus entwickelt wurde. Es folgten weitere Auseinandersetzungen mit der Bauhaus-Bühnenidee bis hin zu Schlemmers „Triadischem Ballett“, das das „Theater der Klänge“ 2014 adaptierte.

Etwas zu anthroposophisch wirkt der Anfang der neuen, knapp einstündigen „Farb- und Formperformance“. Sechs Tänzer in schwarzen Kostümen wickeln, rollen und falten bunte Stofftüchern, wedeln mit ihnen durch die Luft als seien es bunte Farbpinsel. Langsam entstehen erste Farbreflexe auf der Leinwand, wie zarte Nordlichter oder geisterhafte Schemen auf dunklem Hintergrund. Die elektronisch sensorierte Bühne macht‘s möglich – sie setzt die Bewegungen der Tänzer in bewegte Farbflächen um, wie ein digitaler Pinsel, und zaubert so ein zunehmend faszinierendes Spektakel auf die Leinwand.

Die Kostüme der Figuren (Caterina Di Fiore) werden zunehmend farbenfroher: bunte Punkte oder Flächen wie Farbfächer dominieren die Röcke, Brustschilder und Kopfbedeckungen. Krönung ist eine vollends bestückte Figur, die aussieht wie ein bunter Drache und sich fließend animalisch um sich selbst dreht, während die anderen Figuren eher statisch geometrisch inspirierte Bewegungsfolgen liefern (Choreografie: Jacqueline Fischer). Die Weiterentwicklung dieser Idee führt in die zunehmende Abstraktion, weg von der Farbe. Nun entstehen Kostümteile aus silbernen Kugeln, die das Licht reflektieren und die Figur dahinter fast verschwinden lassen.

Als Abschluss tanzt eine Frau über die dunkle Bühne, die Rock- und Kopfbedeckung aus vielen kleinen LED-Lämpchen trägt. Mit Taschenlampen malt sie Licht an die Wände, während der Computer weißes Zick-Zack auf der nun dunklen Leinwand hinterlässt, wie Sternenglanz und Lichtermeer. Zero lässt grüßen. Händels Sarabande, die zur Uraufführung des „Lackballetts“ lief, erklingt hier nun in elektronisch verfremdeter Form, die Figuren tanzen dazu ein gespenstisches Menuett. Schlemmers Thema war die menschliche Figur im Raum. In diesem neuen „Lackballett“ findet es eine reizvolle Variante.
Von Marion Meyer, Rheinische Post

Kommende Vorstellungen

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06nov19:3021:00Das Lackballett in Leipzig

09nov19:0021:00Das Lackballett in DessauIm Bauhaus Dessau!

10nov17:0020:00Das Lackballett in DessauIm Bauhaus Dessau!

16nov19:3021:30Das Lackballett in Ascona (CH)

19nov19:3021:30Das Lackballett in Solingen

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