Teufels Kreise

„Für mich besteht der größte Skandal darin, daß in meiner Nachbarschaft, in schmerzlicher und zugleich alltäglicher Nähe, eine Hölle existiert, in der man eine bestimmte Zahl von Männern, Frauen und gelegentlich sogar auch Kindern beschäftigt, die Tag für Tag den Ansprüchen des Leviathans und der Brunst der Behemoth geopfert werden. Ich staune noch und immer wieder über die Stille, in der all diese Menschen vor sich hin leiden, über ihre zurückgehaltenen Seufzer und ihr Sichfügen in die brutalen Notwendigkeiten des Systems, als gäbe es keinerlei mögliche Alternative oder als sei alles andere undenkbar, unmöglich, unvorstellbar.“

Michel Onfray

Das Ensemble

Besetzung der Uraufführung am 1. Dezember 2006 im FFT-Juta Düsseldorf
Projektleitung und Regie: J.U.Lensing
Choreografische Arbeit: Jacqueline Fischer
Musik/Sounddesign: J.U.Lensing, Thomas Neuhaus (Phil Glass, Jürgen Schwenklengs, Soehngen, Technophobia)
Lichtdesign: Christoph Bühl
Bühnenbild: Petra Buchholz
Kostümbetreuung: Caterina Di Fiore
Darstellerinnen:
Nicole Baumann, Salome Dastmalchi, Catalina Gomez, Tamara Gomez, Caitlin Smith, Hana Zanin
Darsteller: Thomas Heidenreich, Klaus Michalski, Francesco Pedone
Das szenische Material zu diesem Stück entstand in Zusammenarbeit von N. Baumann, S. Dastmalchi, C. Gomez, T. Gomez, Th. Heidenreich, D. Klein, K. Michalski, C. Smith, E. Verenin, H. Zanin und teilweise F. Pedone in Zusammenarbeit mit J. Fischer und J.U.Lensing.
Künstlerisches Betriebsbüro: Jenny Eickhoff, Ruth Profe-Bracht
Programmgestaltung: Ernst Merheim
Plakat: Mc Cann Erickson
Fotos: Oliver Eltinger

Über die Produktion

Anstatt die Armut zu bekämpfen, bekämpft man die Armen. Oder: Man baut dort ein Gefängnis, wo man andernorts eine Fabrik schließt. Was für eine merkwürdige Zeit! Was machen wir da eigentlich? Haben wir den Verstand verloren?

Menschen, die sonst weder zu Wort kommen noch gehört werden, berichten in diesem Stück – via akustische Einspieler – sprachlich über ihr alltägliches Leben, ihre Hoffnungen und Frustrationen, Verletzungen und Leiden. In ihrer Zusammenschau ergaben diese Lebens- und Gesellschaftsbilder ein Röntgenbild der gegenwärtigen Gesellschaft, geprägt von zunehmendem Konkurrenzdruck, struktureller Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau und gesellschaftlicher Marginalisierung immer breiterer Bevölkerungsgruppen.

Sie alle leiden in der einen oder anderen Form an den gesellschaftlichen Zuständen, ihr Leben ist mit Belastungen, Zumutungen und Demütigungen verbunden. Die Interviewten berichten von den Missständen, die ihnen das Leben schwer machen, gegen die sie aber in der Regel nichts unternehmen können.

Arme und insbesondere mittellose Menschen sind Grund für diffuse Ängste. Sie von einer anderen Seite und ohne Klischees zu zeigen, ihre Menschlichkeit in einer Straße, einem Gefängnis, vor Gericht oder in einem Keller in der Stadt mit ihren Gefühlen, ihren Wünschen, ihren Ängsten und in ihrer Hoffnungslosigkeit war Intention des Theaterstücks “Teufels Kreise”. Menschen eine Stimme geben, deren Sorgen und Probleme sonst wenig Beachtung finden. Dabei ging es in diesem Stück, nicht um das Bemitleiden, Auslachen oder Verabscheuen dieser Menschen, sondern um Verständnis!

Zur Erarbeitung des Stücks wurde eigens ein größeres neues Ensemble zusammengestellt und weitestgehend auf tänzerisch-choreografische Arbeit verzichtet. teufels kreise versuchte den collagierenden Ansatz aus vorangegangenen Produktionen, wie “Jubiläum” oder “Modul|a|t|o|r” auf ein gesellschaftskritisches Thema anzuwenden. Insbesondere die originalen Interviewpassagen verliehen der szenischen Aktion als Soundtrack eine betroffen machende Kraft, die deswegen parallel auch als Hörbuch im HörZeichen Verlag veröffentlicht wurde.

Teufels Kreise in der Presse

Ungewöhnliche Darstellungsformen sind grundlegendes Konzept des Theaters der Klänge aus Düsseldorf. Der Name der freien Gruppe besagt es schon: Hier haben Musik und Geräusche besondere Bedeutung, viele Aufführungen sind auch als Hörspiele erschienen. Was nicht bedeuten soll, dass die Optik vernachlässigt wird, im Gegenteil. Das Theater der Klänge setzt sich immer mit Theatertraditionen und Spielformen auseinander. Das neue Projekt führt dabei tief in die Abgründe der Gegenwartsgesellschaft. “Teufels Kreise” erzählt von Armen und Obdachlosen, den Ausgestoßenen. Die Theatermacher haben viele Interviews mit Betroffenen geführt, insgesamt 14 Stunden Material sind dabei entstanden. Insgesamt 40 Szenen spiegeln die Ängste und Fantasien der Außenseiter.
WDR 3 – Mosaik

“Obdachlose, die ihren Einkaufswagen durch die Straßen schieben. Daneben Drogenabhängige, die für die nächste Portion Haschisch oder Heroin ihren Körper verkaufen. Sozialgeächtete auf der Einkaufsmeile, die von Privat-Sheriffs weggestoßen werden. (…) Der vielseitige Theatermacher verzichtet gänzlich auf sperrige, neuartige Mischformen von Tanz, Theater und Musik, die in der Vergangenheit häufig zum Nachdenken anregten. Stattdessen jagen seine Tänzer vorüber, spielen kurz 40 Szenen an, die jeder von der Straße oder von Dokumentationen in Film und Fernsehen kennt. Da mustern Mädchen, mit Handy und schicken Taschen in der Hand verächtlich einen Obdachlosen, der seinen Wagen durch die Gassen schiebt. Andere verabreden sich mit einem Freier oder werden von einer Freundin, die sich als Dealerin entpuppt, zum Koksschniefen verführt. Je höher die Dosis, desto hektischer werden sie, desto mehr sind sie bereit zu stehlen oder Männern zu sexuellen Diensten zur Verfügung zu stehen. (…) Ein Mix aus elektronisch aufgeladener Minimalmusik, Softpop und allerlei modischem Klangzauber sorgen für Tempo. (…) Aufhorchen lassen die eingespielten Original-Interviews mit Betroffenen. Zu Wort kommen da eine im Gefängnis einsitzende Drogenmutter, eine schwarz arbeitende Putzfrau, Stricher und ein Akkordarbeiter der Glashütte….”
Neue Rheinzeitung

“Am Ende hört man schreckliche Schreie hinter der Szene, aber die Menschen, die neugierig ihre Türen öffnen, schließen diese wieder fest hinter sich zu. Wir sollten uns der Not in unserer Gesellschaft nicht verschließen, das ist deutlich die Botschaft der neuen Produktion des “Theaters der Klänge”. Regisseur Jörg U. Lensing ist Pierre Bourdieu gefolgt, um das Elend unserer Welt zu studieren. Er hat Drogensüchtige, Prostituierte, Obdachlose, Straffällige und Arbeitslose interviewt und daraus eine Hör-CD gemacht. (…) Manches erinnert an Stummfilmszenen, zumal auch der durchgehende Musikteppich oft die dramatische Wucht von Filmmusik hat. Andere Episoden werden als Tanzszenen erzählt, wobei in den Choreographien von Jacqueline Fischer die Gewalt eine wichtige Rolle spielt: unter Schülern, zwischen Mann und Frau, gegen Außenseiter. Besonders berührend sind jene Momente, in denen das Spiel fast unmerklich in Tanz übergeht: wenn die Verzweifelte mit sich und den Pillen kämpft, oder der Zwangsneurotiker mit einem Apfel und seiner Angst vor Beschmutzung….”
Westdeutsche Zeitung

“Sie sehen ihn nicht, den alten Mann in Lumpen, Ohrenklappenmütze auf dem Kopf, Pappkartonwägelchen mit Schlafsack im Gepäck. (…) Traurige Straßenszene. Soziales Elend in all seinen erschreckenden Spielarten. (…) Für wenige Minuten macht der Zuschauer ihre Bekanntschaft, wird ohne Umwege in ihre Geschichte geführt, erlebt mit, woran die Menschen leiden. (…) Und eigentlich handeln all’ diese Geschichten von demselben Stoff – der Einsamkeit und ihrer zerstörerischen Kraft. Gespielt wird das alles sehr genau, sehr pointiert, ohne ins pantomimisch Übertriebene abzugleiten. Körperhaltung, Gesten, Mimik müssen das meiste erzählen, gesprochen wird wenig, dafür ist alles eingebettet in Musik. Nicht immer in die fetten Streicherklänge vom Anfang, mal sorgt ein Akkordeon für Frankreichcharme, dann wieder erklingen Repititionen elektronischer Sounds, die wie ein Puls pochen und sich in unerträgliche Crescendi steigern können, wenn Gewalt die Szene beherrscht. (…) Auch in ihrer aktuellen Produktion zeigt das “Theater der Klänge” also eine Kombination aus eigens entwickelten Klangkompositionen und Ausdruckskunst, mal Schauspielerei, mal Tanz, wie es die Szene erlaubt. (…) Das Ensemble will zum Hinschauen zwingen, den Unterdrückten eine Bühne bieten, damit ihr Elend sichtbar wird….”
Rheinische Post

Audio: Gefängnis

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